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Handschutz Veröffentlicht: · Aktualisiert:

Schutzhandschuhe richtig auswählen

Normen und Kennzeichnungen für Schutzhandschuhe: mechanische und chemische Risiken, Schnittfestigkeit, Materialien, Beschichtungen, Grip und Größenwahl.

EHS-Fachkraft und Produktionstechniker wählen Augen-, Gesichts-, Hand- und Fußschutz an einem sauberen Industrieprozess
Bei chemischen und Batterieprozessen sind Stoff, Exposition und aktuelles Sicherheitsdatenblatt der Ausgangspunkt. Abbildung dient der Veranschaulichung.

Schutzhandschuhe auswählen: Normkennzeichnung, Material und reale Tätigkeit

Hände sind gleichzeitig Arbeitsmittel und besonders exponierter Körperbereich. Ein geeigneter Handschuh muss die konkrete Gefährdung reduzieren, ohne neue Risiken durch schlechten Grip, eingeschränkte Fingerfertigkeit, Hautbelastung oder Einzug an Maschinen zu erzeugen. Die richtige Auswahl beginnt deshalb bei Tätigkeit, Stoff, Oberfläche, Kontaktzeit und Arbeitsverfahren – nicht bei einer möglichst hohen Zahl auf dem Piktogramm.

Das Wichtigste in Kürze

  • EN ISO 21420 enthält allgemeine Anforderungen an Gestaltung, Unschädlichkeit, Größen, Fingerfertigkeit, Kennzeichnung und Herstellerinformation; sie ersetzt die frühere EN 420.
  • EN 388 beschreibt mechanische Leistungswerte, EN ISO 374 Chemikalien und Mikroorganismen, EN 407 thermische Risiken und EN 511 Kälte.
  • Leistungsstufen sind Testergebnisse, keine automatische Empfehlung für jede Tätigkeit.
  • Bei Chemikalien entscheiden der exakte Stoff oder das Gemisch, Konzentration, Temperatur, Kontaktdauer, Degradation und Herstellerdaten.
  • Handschuhe dürfen an drehenden Maschinenteilen nicht pauschal getragen werden; Einzugsrisiko und Arbeitsverfahren haben Vorrang.

PSA-Kategorien nach Verordnung (EU) 2016/425

Die frühere Richtlinie 89/686/EWG wurde durch die Verordnung (EU) 2016/425 abgelöst. Schutzhandschuhe können – abhängig vom Risiko – in drei PSA-Kategorien fallen:

  • Kategorie I: ausschließlich minimale Risiken, die der Nutzer rechtzeitig selbst wahrnehmen und beurteilen kann. Der Hersteller führt das vorgesehene Konformitätsverfahren durch.
  • Kategorie II: Risiken, die weder Kategorie I noch III sind; EU-Baumusterprüfung durch eine notifizierte Stelle.
  • Kategorie III: Risiken mit möglichen sehr schwerwiegenden Folgen wie Tod oder irreversible Gesundheitsschäden; zusätzlich laufende Überwachung der Produktion. Die Nummer der beteiligten notifizierten Stelle steht hinter der CE-Kennzeichnung.

Kategorie und CE-Zeichen beschreiben das Konformitätsverfahren, nicht die Eignung für eine beliebige Tätigkeit.

EN 388: mechanische Risiken

Die Kennzeichnung nach EN 388:2016+A1:2018 kann bis zu sechs Positionen enthalten:

  1. Abriebfestigkeit: Stufe 1–4
  2. Coup-Schnittfestigkeit: Stufe 1–5 oder X
  3. Weiterreißfestigkeit: Stufe 1–4
  4. Durchstichfestigkeit: Stufe 1–4
  5. Schnittfestigkeit nach EN ISO 13997: Stufe A–F oder X
  6. Optionaler Stoßschutz: P, wenn die Anforderung bestanden wurde

X bedeutet, dass die Prüfung nicht durchgeführt wurde oder für das Material nicht aussagekräftig ist. 0 bedeutet, dass die Mindeststufe 1 nicht erreicht wurde. Der Durchstichtest verwendet einen standardisierten Prüfstift und sagt nichts über Injektionsnadeln aus.

Mechanische Leistungsstufen

PrüfungStufe 1Stufe 2Stufe 3Stufe 4Stufe 5
Abrieb bis Lochbildung, Zyklen1005002.0008.000
Coup-Schnittindex1,22,55,010,020,0
Weiterreißkraft, N10255075
Durchstichkraft, N2060100150

Schnittprüfung nach EN ISO 13997

Der TDM-Test bestimmt die Kraft, bei der eine gerade Klinge mit einer Bewegung von 20 mm durch das Material schneidet. Er ist besonders wichtig bei Materialien, die die Klinge im Coup-Test abstumpfen.

StufeABCDEF
Mindestkraft2 N5 N10 N15 N22 N30 N

Eine höhere Schnittstufe kann Gewicht, Steifigkeit oder Grip beeinflussen. Wählen Sie nur die notwendige Schutzleistung und prüfen Sie sie mit dem realen Werkstück. Bei bewegten, rotierenden Teilen kann ein Handschuh erfasst werden; hier entscheidet das sichere Maschinenverfahren.

EN 407: thermische Risiken

EN 407 kennzeichnet sechs Leistungsbereiche, jeweils typischerweise mit Stufen 0–4 oder X:

  1. begrenzte Flammenausbreitung
  2. Kontaktwärme
  3. Konvektionswärme
  4. Strahlungswärme
  5. kleine Spritzer geschmolzenen Metalls
  6. große Mengen geschmolzenen Metalls
KontaktwärmestufePrüftemperaturMindestschwellenzeit
1100 °C15 Sekunden
2250 °C15 Sekunden
3350 °C15 Sekunden
4500 °C15 Sekunden

Diese Werte gelten unter Laborbedingungen und bedeuten keine sichere Greifdauer im Betrieb. Materialdicke, Alterung, Feuchte, Verschmutzung, Druck, Form des Werkstücks und zusätzlicher mechanischer Schutz verändern die Praxis. Für Feuerwehr- und Schweißarbeiten gelten zusätzliche beziehungsweise andere Produktnormen.

EN 12477: Schweißerhandschuhe

EN 12477 verbindet Anforderungen an mechanischen und thermischen Schutz für manuelles Schweißen und verwandte Verfahren. Typ A bietet typischerweise höhere Schutzleistung bei geringerer Fingerfertigkeit; Typ B höhere Fingerfertigkeit bei geringerer Leistung in einzelnen Bereichen. Schweißverfahren, Stromstärke, Spritzmenge, Werkstücktemperatur und benötigte Feinfühligkeit bestimmen den Typ.

EN 511: Kälteschutz

Die Kennzeichnung besteht aus drei Positionen:

  • Konvektionskälte: Stufe 0–4 oder X
  • Kontaktkälte: Stufe 0–4 oder X
  • Wasserdurchtritt: Stufe 0 oder 1 beziehungsweise X

Die Leistung hängt in der Praxis von Temperatur, Wind, Feuchtigkeit, Kontaktmaterial, Tätigkeit und Einsatzdauer ab. Ein dicker Handschuh ist nicht automatisch sicherer, wenn dadurch Grip und Fingerfertigkeit so stark sinken, dass er abgelegt wird.

Vibrationsschutz nach ISO 10819

ISO 10819 beschreibt die Laborprüfung der Vibrationsübertragung durch sogenannte Antivibrationshandschuhe. Ein bestandenes Produkt beseitigt Hand-Arm-Vibrationen nicht und wirkt nicht in jedem Frequenzbereich gleich. Maschinenwahl, Wartung, Expositionsdauer, Arbeitsverfahren und Messung bleiben vorrangig.

Elektrostatische Eigenschaften: EN 16350 und ESD

EN 16350 legt Anforderungen an die vertikale elektrische Durchgangsresistenz von Schutzhandschuhen für Bereiche mit Brand- oder Explosionsgefahr fest. Der Grenzwert wird in einer definierten Prüfatmosphäre bewertet. Ein solcher Handschuh funktioniert nur als Teil eines vollständig geerdeten Systems aus Person, Kleidung, Schuhwerk und Boden.

  • Elektrostatisch ableitfähig bedeutet nicht elektrisch isolierend.
  • Der Handschuh schützt nicht vor Netzspannung oder Lichtbogen.
  • Für den Produktschutz in Elektronikfertigung ist zusätzlich das ESD-Kontrollprogramm nach IEC 61340-5-1 relevant; Produkt- und Personenschutz sind getrennt zu bewerten.
  • Waschen, Verschmutzung, Feuchte und Alterung können die Systemeigenschaften verändern.

Lebensmittelkontakt

Ein Handschuh für Lebensmittelkontakt benötigt eine für die geplante Lebensmittelart, Kontaktzeit und Temperatur geeignete Konformitätsbewertung nach Verordnung (EG) Nr. 1935/2004 und den jeweils anwendbaren ergänzenden Vorschriften. Das Glas-Gabel-Symbol allein beantwortet nicht, ob der Handschuh für fetthaltige, saure, alkoholische oder heiße Lebensmittel geeignet ist. Konformitätserklärung und Einsatzgrenzen prüfen.

EN ISO 374: Chemikalien und Mikroorganismen

Die Chemikalienauswahl umfasst drei verschiedene Vorgänge:

  • Penetration nach EN ISO 374-2: Durchtritt durch Löcher, Nähte oder andere Materialfehler.
  • Permeation nach EN 16523-1: molekulares Durchwandern des Handschuhmaterials; Ergebnis ist unter anderem die normierte Durchbruchzeit.
  • Degradation nach EN ISO 374-4: Veränderung des Materials durch den Stoff, etwa Quellung, Versprödung oder Festigkeitsverlust.

Typen A, B und C nach EN ISO 374-1

  • Typ A: mindestens Leistungsstufe 2, also mindestens 30 Minuten, bei mindestens sechs Prüfchemikalien.
  • Typ B: mindestens Leistungsstufe 2 bei mindestens drei Prüfchemikalien.
  • Typ C: mindestens Leistungsstufe 1, also mindestens 10 Minuten, bei mindestens einer Prüfchemikalie.

Die Typbezeichnung ist keine allgemeine Rangliste für jedes Gemisch. Ein Typ-C-Handschuh kann für einen konkreten Stoff besser geeignet sein als ein Typ-A-Handschuh, wenn genau dieser Stoff geprüft und die reale Einsatzzeit eingehalten wird.

Prüfchemikalien und Kennbuchstaben

CodePrüfchemikalieStoffgruppe
AMethanolPrimärer Alkohol
BAcetonKeton
CAcetonitrilNitrilverbindung
DDichlormethanChlorierter Kohlenwasserstoff
EKohlenstoffdisulfidSchwefelhaltige organische Verbindung
FToluolAromatischer Kohlenwasserstoff
GDiethylaminAmin
HTetrahydrofuranHeterocyclischer Ether
IEthylacetatEster
Jn-HeptanGesättigter Kohlenwasserstoff
KNatriumhydroxid 40 %Anorganische Base
LSchwefelsäure 96 %Anorganische Mineralsäure
MSalpetersäure 65 %Oxidierende anorganische Säure
NEssigsäure 99 %Organische Säure
OAmmoniumhydroxid 25 %Anorganische Base
PWasserstoffperoxid 30 %Peroxid
SFlusssäure 40 %Anorganische Säure, Kontaktgift
TFormaldehyd 37 %Aldehyd

Für Mikroorganismen gilt EN ISO 374-5. Eine zusätzliche VIRUS-Kennzeichnung setzt die vorgesehene Prüfung gegen Virenpenetration voraus. Sie sagt nichts über chemische Beständigkeit oder sterile Eignung aus.

Chemikalienschutzhandschuhe in sechs Schritten auswählen

  1. Exakten Handelsnamen, Bestandteile, Konzentrationen und Sicherheitsdatenblatt erfassen.
  2. Kontaktart bestimmen: Spritzer, wiederholtes Benetzen, Eintauchen, Druck oder Dampf.
  3. Temperatur und maximale Kontaktzeit berücksichtigen; höhere Temperatur kann Permeation beschleunigen.
  4. Herstellerdaten für das konkrete Material und Gemisch anfordern, einschließlich Degradation.
  5. Stulpenlänge, Materialstärke, Grip, Größe und Kompatibilität mit Ärmel oder Schutzanzug prüfen.
  6. Wechselzeit festlegen, bevor die zulässige Einsatzdauer erreicht wird; kontaminierte Handschuhe sicher ausziehen und entsorgen.

Einmalhandschuhe und medizinische Handschuhe

„Einmalhandschuh“ beschreibt keine Schutzleistung. Ein Produkt kann PSA, Medizinprodukt oder beides sein – mit unterschiedlicher Kennzeichnung und Dokumentation.

  • EN 455: Anforderungen an medizinische Einmalhandschuhe, unter anderem Dichtheit, physikalische Eigenschaften, biologische Bewertung und Haltbarkeit.
  • EN ISO 374: Schutz gegen ausgewählte Chemikalien oder Mikroorganismen, wenn entsprechend geprüft und gekennzeichnet.
  • AQL: statistischer Qualitätswert für Dichtheit; nicht automatisch bei jedem Einmalhandschuh 1,5 und kein Ersatz für Stoffbeständigkeit.
  • Material: Nitril, Latex, Neopren oder andere Polymere unterscheiden sich in Elastizität, Allergierisiko und Chemikalienbeständigkeit.

Einmalhandschuhe nicht waschen oder wiederverwenden, wenn der Hersteller dies nicht ausdrücklich vorsieht. Beim Ausziehen Kontaminationsverschleppung vermeiden.

Handschuhe für handgeführte Kettensägen

Für Kettensägen-Schutzhandschuhe ist die aktuelle Normenreihe EN ISO 11393 maßgeblich. Schutzbereich, Kettengeschwindigkeitsklasse und Herstellergrenzen prüfen. Kein Handschuh bietet vollständigen Schutz vor einer laufenden Kette; Arbeitsverfahren, Ausbildung, Zweihandführung und weitere Schnittschutz-PSA bleiben entscheidend.

Materialien und Beschichtungen im Praxistest

  • Nitrilbeschichtung: häufig guter Grip und Abrieb bei öligen oder trockenen Teilen; Chemikalienbeständigkeit nur mit konkreten Daten bewerten.
  • Polyurethan: dünne Beschichtung für Fingerfertigkeit und trockene Präzisionsarbeit; Abrieb und Flüssigkeitskontakt prüfen.
  • Latex: elastisch und häufig griffig, kann aber Proteinsensibilisierung beziehungsweise Allergien auslösen.
  • Leder: robust für bestimmte mechanische und thermische Anwendungen; Qualität, Nähte, Feuchte und Chrom-VI-Anforderung beachten.
  • Butyl, Neopren, Laminat und weitere Polymere: je nach Chemikalie sehr unterschiedliche Beständigkeit; keine Materialfamilie schützt gegen alles.

Beschaffungs-Checkliste

  1. Tätigkeit, Gefahr, Expositionsweg und Tragedauer dokumentiert?
  2. Einzugsrisiko an Maschinen ausgeschlossen oder durch Arbeitsverfahren geregelt?
  3. Erforderliche Norm und Mindestleistung angegeben – ohne unnötige Überforderung?
  4. Werkstück trocken, nass, ölig, scharf, heiß oder chemisch kontaminiert berücksichtigt?
  5. Größenlauf, Handform, Stulpe und Unterarmabdeckung passend?
  6. Grip und Fingerfertigkeit am echten Werkstück getestet?
  7. Kompatibilität mit Schutzanzug, Ärmel und Hautschutzkonzept geprüft?
  8. Herstellerinformation und EU-Konformitätserklärung für das konkrete Modell vorhanden?
  9. Wechsel-, Reinigungs- und Entsorgungsregel festgelegt?
  10. Verbrauch und Ablegegründe nach Einführung gemessen?

Ein strukturierter Trageversuch zeigt, welcher fachlich geeignete Kandidat im Prozess funktioniert. Bei Chemikalien senden Sie uns Sicherheitsdatenblatt, Konzentration, Temperatur und Kontaktzeit über die Angebotsanfrage.

Produkte finden Sie in der Kategorie Schutzhandschuhe. Die wirtschaftliche Bewertung vertieft unser Beitrag zur qualitätsorientierten PSA-Beschaffung.

Fachliche Ausgangspunkte: Verordnung (EU) 2016/425, EN ISO 21420, EN 388, EN ISO 374, EN 407, EN 511, EN 12477, EN 16350, ISO 10819 und EN ISO 11393. Maßgeblich sind stets die aktuelle Ausgabe, Herstellerunterlagen und betriebliche Gefährdungsbeurteilung.

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